Mit Zwang lassen sie sich nicht trainieren und auf Druck reagieren sie mit sturer Zurückweisung. Deshalb sind wir Menschen aus Kamelidensicht erst einmal unberechenbar und nervig. Aber wie können wir unserem geliebten Tier beibringen, dass wir nicht die Absicht haben, gleich über es her zufallen und es zu verspeisen? Wie bringen wir unseren Kameliden bei, dass wir eigentlich ganz „nette“ Menschen sind und das man mit uns sogar Spass haben kann? ... oder zumindest, dass wir es doch nur gut mit ihm meinen wenn wir es berühren und pflegen wollen? Fragen die mich nun schon seit längerem beschäftigen. Also was können wir tun und warum tun wir es. Bestimmt haben Sie sich selber schon viele Gedanken zu diesem Thema gemacht, weshalb ich eigentlich gar nicht genauer darauf eingehen möchte wie genau, oder nach welcher „Methode“ so ein Tier nun am besten „gehandelt“ wird. Dies würde wohl an dieser Stelle auch zu weit führen. Vielmehr ist es mein Wunsch, eine ganz andere Sichtweise im Umgang mit Ihrem Kameliden und auch anderen Tieren zu vermitteln. Zu diesem Zweck möchte ich Ihnen einige, vielleicht altbekannte „Werkzeuge“ für den täglichen Umgang etwas näher bringen. Das erste ist: Beobachtungsgabe Tiere „funktionieren“ innerhalb ihrer individuell geprägten und erlernten Verhaltensweisen. Beobachten Sie Ihr Tier deshalb genau. Wie verhält es sich während des Tages und in der Nacht? Welche Charaktereigenschaften bringt es mit? Ist es besonders mutig oder ist es eher Neugierde oder gar eine Form von Agression was Sie da gerade sehen? Wie verhält sich das Tier den anderen Herdenmitgliedern gegenüber? Versuchen Sie die Körpersprache der Tiere zu interpretieren oder einfach gesagt: Lernen Sie „neuweltkamelidisch“! Das zweite Werkzeug für einen respektvollen Umgang mit Tieren ist: Einfühlungsvermögen Versuchen Sie Ihr Tier und die Situation in der es sich gerade befindet zu verstehen. Aber bitte auf „neuweltkamelidisch“ und so wie es für das Tier wirklich ist, nicht wie Sie gern hätten, dass es wäre! Fühlen Sie! und denken Sie nicht zuviel dabei. Vertrauen Sie auf Ihre Fähigkeit und Ihre Intuition. Bedenken Sie dabei, dass sich ein Fluchttier grundsätzlich immer Unwohl in Gegenwart eines Raubtieres fühlt. Es ist enorm wichtig im Umgang mit Ihrem Tier zu fühlen wie stark dieses Unbehagen ist und aufgrund welcher Auslöser (z.B. Ihr Verhalten, andere Tiere, unbekannte Geräusche usw.) dieses verstärkt oder abschwächt wird. Ein weiteres wichtiges Werkzeug ist die eigene: Handlungskompetenz Sie haben nun schon viel über die Körper- und Lautsprache, sowie der Kommunikation mittels „Gemütszustand“ gelernt. Benutzen Sie nun Ihr „neuweltkamelidisch“! Transportieren Sie Ihre Körpersprache und Ihren Gemütszustand so bewusst und klar wie möglich. Fragen Sie sich dabei immer wieder: Verhalte ich mich im Moment so, dass mein Tier mich verstehen kann? Fühle ich mich „sicher“ und empfinde ich mich als „vertrauenswürdig“, oder übertrage ich meine Unsicherheit und Unruhe auf mein Tier? Bin ich selber angespannt oder gar „gestresst“? Wenn ja, dann drehen Sie diese Gefühle um und vermitteln Sie ihm, dass Sie als Herdenführer entspannt und sicher sind. Haben Sie bitte keine Angst davor einen Fehler zu machen. Das Tier lernt ja auch nach dem Prinzip: Irrtum und Erfolg. Handeln Sie aus dem Bauch, aber bitte nie aus einer unkontrollierten Emotion heraus. Bleiben Sie bitte sachlich, denn „neuweltkamelidisch“ ist, zumindest für die Alpacas und Lamas, eine klar interpretierbare Form der Kommunikation. Sachlich und ehrlich kommunizieren mit unseren Mitgeschöpfen. Genau das ist es was wir von den Tieren lernen können. Das Tier wird uns stets eine ehrliche Rückmeldung auf unser Handeln geben. So können wir erkennen wie wir auf unsere Umwelt wirken und wie unser Verhalten interpretiert wird. Diese neue Klarheit im Verhalten macht uns, aus Sicht der Neuweltkameliden, erst berechenbar. Handlungskompetenz! Ein wichtiges Instrument um sich in der Rangordnung Dominanz durch Vertrauen zu sichern. Ein Prinzip was vielen Menschen, aufgrund ihres Verstandesdenkens und der damit verbundenen Machtgier, leider abhanden gekommen ist. Nun haben wir die wichtigsten Werkzeuge, welche wir brauchen um das Verhalten des Tieres auf respektvolle Art, für unsere Ziele zu beeinflussen. Plötzlich verstehen wir, warum sich das gleiche Alpaca beim Nägelschneiden, an einem Tag ganz ruhig und am nächsten vollkommen unkontrolliert verhält, und dies obwohl es das Füsse geben unter Umständen bereits gelernt hat. Mit etwas Uebung und Vertrauen in die eigene Interpretations- und Handlungsfähigkeit lässt sich dann auch ganz leicht unterscheiden ob das Tier wirklich Angst hat, oder ob es, irgend eine Vermeidungsstrategie verfolgt. Ich behaupte, dass die meisten Tierhalter unbewusst ihren Tieren, genau solche Strategien beibringen und diese immer wieder durch ihr Verhalten bestätigen. Irrtum und Erfolg! Nicht vergessen! Die Tiere werden auch jede Gelegenheit nutzen ihr natürliches oder erlerntes Verhaltensmuster abzuspielen, um so ihr vermeintliches Ziel zu erreichen oder, um ganz einfach, in der Rangordnung wieder eine Stufe aufzusteigen. Deshalb ist es so wichtig, dass wir uns zwar auf die Ebene der Tiere einlassen können um ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, dabei aber das Zepter, unseren Willen, nicht aus der Hand geben. Dies könnte sonst zu erheblichen Verhaltensproblemen und anderen gefährlichen Situationen führen. Es ist enorm wichtig, dass Sie einen Plan haben und genau wissen was Sie von Ihrem Tier wollen. Dabei soll es aber in erster Linie darum gehen, den Weg zum Ziel zu verfolgen und nicht darum so schnell wie möglich dieses zu erreichen. Ganz nach dem Motto: Der Weg ist das Ziel. Bleiben Sie flexibel und geduldig und freuen Sie sich über jede positive Reaktion. Mir ist es ganz wichtig allen Menschen ins bewusst sein zu rufen, dass wir es sind, welche verantwortlich für unsere Umgebung und somit auch das Verhalten unserer Tiere sind. Man könnte auch sagen: „Wie man in den Wald ruft, hallt es zurück.“ Natürlich ist es einfacher die Kontrolle und die Macht über ein Tier, die Natur oder gar einen anderen Menschen mit Gewalt zu erzwingen. Leider werden wir so, aber nie in den Genuss wahrer Freundschaft, und des Gefühls der Verbundenheit mit dem grossen „Ganzen“ kommen. Wir werden immer nur „Balast“ für unseren Planeten sein. Lästig, nervig, störend und nicht zuletzt zerstörerisch! Ich denke es ist an der Zeit etwas zu verändern und warum beginnen wir nicht gleich bei unseren Tieren. Alpacas und Lamas werden so gesehen zu sanftmütigen, geduldigen Helfern und Verbündeten aus dem Tierreich. Helfer für uns und unsere persönliche Entwicklung sowie Verbündete beim gemeinsamen Einsatz als Therapeuten, Botschafter, „Kumpel“ oder Wegbegleiter für andere Menschen. Der Umgang mit Tieren kann wirklich ein Spiegel zur Entwicklung unserer Persönlichkeit sein. Neuweltkameliden zwingen uns auf subtile Weise, uns in ihre Welt zu begeben, ruhig zu werden und den Rhytmen der Natur zu folgen. Kinder und Neuweltkameliden sind sich in einer Weise ähnlich, das Begegnungen zwischen ihnen, manchmal fast magisch wirken. Das Kind in seiner noch natürlichen Art, offen und neugierig, verletzlich und doch voller Tatendrang und Energie. Denken, Fühlen und Handeln finden bei solchen Kindern noch im Einklang statt. Das ist es was sie mit den Tieren gemeinsam und welches wir zu pflegen versäumt haben. Klares, reines Denken, Fühlen und Handeln. Der Schlüssel zu mehr als nur dem respektvollen Umgang mit Tieren und der Natur. Fabienne Lüchinger
|